Wenig Wenn und Aber

veröffentlicht 15.04.2026 von Claudia Sattler, Dekanat an der Dill

Eine Szene in einem Comic bringt es auf den Punkt.

Ein Comic hat mich sehr zum Lachen gebracht hat: Darauf zu sehen: Jesus hält eine Rede. Vor ihm: viele Menschen. Jesus sagt: „Das ist die eine Regel: Liebe Gott – und liebe deinen Nächsten." Da ruft jemand rein: „Und wenn er ein Ausländer ist? Oder schwul?" Jesus darauf: „Hast du was an den Ohren?"

Ich finde diese Szene so gut. Weil sie in wenigen Bildern und Sätzen auf den Punkt bringt, was Jesus gepredigt und gemeint hat. Wenn Jesus von Liebe gesprochen hat, gab es wenig Wenn und Aber. Und auch die Liebe, die er gelebt hat, war radikal: Er war freundlich zu Leuten, die alle gemieden haben: Kranke, Prostituierte. Jesus hat mit Menschen geredet, mit denen man damals nicht geredet hat: Fremde. Außenseiter. 

Über Menschen, die anders gelebt haben, als das damals die Norm war, hat er nie ein böses Wort verloren. Und dann war da die eine ausländische Frau – die hatte es damals doppelt schwer. Aber auch ihr hat Jesus schließlich zugehört. Und ausgerechnet sie hat ihn dazu gebracht hat, seinen Blick zu weiten – nicht nur für die eigene Gruppe da zu sein, sondern für alle Menschen – ohne Einschränkung. So wie in Matthäus 15,21-28 (siehe unten) beschrieben.

Das ist der Kern des christlichen Glaubens: Liebe Gott. Und liebe die Menschen um dich herum – alle. Nicht nur die, die so sind wie du.

Klingt einfach. Ist es nicht. Das merke ich selbst oft genug. Im Straßenverkehr – wenn ich mich ärgere, weil ein Auto mal wieder auf dem Fahrradweg steht. Beim Nachrichtensehen, wenn ich mich aufrege über reiche Männer, die denken ihnen allein gehört die Welt. Da ist das weite Herz schnell wieder eng.

Aber dann denke ich wieder an den Comic. An Jesus, der einfach nur guckt und antwortet: „Hast du was an den Ohren?“ Kein langer Vortrag, keine Ausnahmen. 

Diese Klarheit nehme ich mit. In den Straßenverkehr, auf die Arbeit. In die Momente, wo es mir wieder schwerfällt. Dann dran denken: Der Mensch da – der ist ganz anders als ich. Aber für Gott genauso wichtig. Deshalb versuche ich es: ihn lieben. Ihn respektieren und achten. Und wenn ich es doch mal wieder vergesse, sage ich mir selbst: „Hast du was an den Ohren?“ 

Claudia Sattler ist evangelische Pfarrerin in der Gesamtkirchengemeinde Herborn-Mittenaar-Siegbach und wohnt in Herborn

 

Matthäus 15,21-28 |  Lutherbibel 2017

Die kanaanäische Frau

21 Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon. 22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. 23 Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen[1], denn sie schreit uns nach. 24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. 25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! 26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. 27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. 28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.