Mit welchem Gefühl bist Du nach Herborn gekommen?
Pfarrer Stefan Claaß: "Ich kam zum 1. Januar 2012 als neuer Professor für Predigtlehre und Liturgik von Mainz nach Herborn - und das mit zwei Gefühlen: Respekt und Vorfreude. Gerne stand ich den zukünftigen Kolleginnen und Kollegen bei in allen Fragen, die das Predigen und das Feiern von Gottesdiensten betreffen. Die Landschaft unterschiedlicher Gottesdienste hat uns auch für die Ausbildung vor vielen neuen Aufgaben gestellt. Und das Herborner Schloss kannte ich ja aus meiner eigenen Vikariatszeit, und ich konnte mir keinen schöneren Arbeitsplatz vorstellen.
Was hat Dir hier links und rechts der Dill gefallen?
Gefallen hat mir die Freundlichkeit, mit der ich hier aufgenommen wurde. Nicht nur im Seminar, sondern auch in den Gemeinden, in denen ich eingeladen war, Gottesdienste zu feiern oder Seminare mit Ehrenamtlichen zu halten. Die Natur - der viele Wald zum Wandern und Radfahren hat mir gefallen. Der Markttag in Herborn – den werde ich sehr vermissen.
Hast Du einen Tipp: Wie lässt sich „einfach“ vom Glauben sprechen?
Am einfachsten lässt sich vom Glauben reden, wenn wir ehrliche und echte Erfahrungen erzählen, die wir mit Gott und mit unserem Glauben gemacht haben. Erfahrungen lassen denen, die zuhören, Raum und Freiheit. So verstehe ich auch viele biblische Geschichten: Menschen haben Erfahrungen gemacht, sie weitererzählt und aufgeschrieben. Erfahrungen öffnen den Austausch, unterschiedliche Erfahrungen bereichern. Schwierig wird es, wenn wir aus Erfahrungen Regeln machen: so geht es – und so nicht. Die Bibel erzählt von so vielen unterschiedlichen Weisen, wie Gott Menchen erreicht. Das ist heute nicht anders. Das bestätigt die moderne Hirnforschung: Unser Gehirn liebt Geschichten viel mehr als Thesen und Behauptungen.
Mit welchem Gefühl gehst Du in den Ruhestand?
Ich gehe in den Ruhestand mit Wehmut, Respekt und Vorfreude.
Wehmut: Ich war 40 Jahre im Dienst als Pfarrer und habe diese Entscheidung nie bereut. Die Diskussionen und das Lernen mit meinen Kursen werde ich vermissen. Viele Menschen aus Herborn und Umgebung ebenso. Und die schönen Stationen in Herborn zum Kaffeetrinken, Bücher und Obst kaufen.
Respekt: Ich ziehe nach Berlin zu Kindern und Enkel. Aber ich muss mir dort ein neues Leben einrichten, neue Freunde finden, eine Gemeinde und etwas Sinnvolles im Ehrenamt.
Vorfreude: Familientreffen werden einfacher. Von meiner Wohnung bis zum Wannsee sind es mit dem Fahrrad sechs Kilometer. Es gibt Wasserwege in Fülle. Ich glaube, ich muss den Bootsführerschein machen.
Zur Person Stefan Claaß
Aufgewachsen ist Stefan Claaß in der Nähe von Nürnberg mit ganz viel Wald drum herum: Freiheit und Abenteuer. Die Gymnasialzeit und Konfirmation hat er in Kronberg im Taunus erlebt: lebendige Gemeinde und Lust an Bildung durch gute Oberstufenkurse. “Meine Studienzeit führte von Erlangen über Hamburg, Heidelberg, Dallas/Texas nach Mainz ins Pfarramt. Gerne denke ich an meinen Heidelberger Lehrer Dietrich Ritschl, einen Ökumeniker mit weltweitem Horizont und mit viel Sinn für Ermutigungen”, sagt Stefan Claaß.
Was mir Glaube bedeutet
Der Glaube gibt mir Halt in allen Spannungen des Lebens – vieles passt oft nicht zusammen. All unsere Zerrissenheit („Sorge“) können wir auf Gott werfen, denn er sorgt für uns. (1. Petr. 5,7) Ich habe teil an der ganz großen Geschichte Gottes mit dem Kosmos und mit jedem einzelnen Menschen. Das finde ich überwältigend, in vielem unbegreiflich und faszinierend.
Weshalb ich gern Pfarrer bin
Ich habe mit allen Situationen und Herausforderungen des Lebens zu tun, mit Menschen, mit Tod und Leben. Seit 2012 stand ich gerne den zukünftigen Kolleginnen und Kollegen bei in allen Fragen, die das Predigen und das Feiern von Gottesdiensten betreffen.
Professor Stefan Claaß wird am Freitag, 21. August 2026 um 15 Uhr in einem Gottesdienst im Herborner Schloss, dem Theologischen Seminar der EKHN, von der stellvertretenden Kirchenpräsidentin Ulrike Scherf verabschiedet. Der Gottesdienst findet im Schlosshof statt, bei schlechten Wetterbedingungen findet der Gottesdienst in der Herborner Stadtkirche statt. Bis zum 31. August 2026 ist Stefan Claaß per E-Mail erreichbar unter claass(at)theologisches-seminar-herborn.de