Regeln für das Leben

veröffentlicht 15.10.2026 von hjb, Dekanat an der Dill

Hartmut Eglinsky über Regeln und was der Maßstab für unser Leben ist

Als die Jünger am Sabbat durch ein Kornfeld gehen und Ähren abreißen, sehen die Pharisäer darin einen Gesetzesbruch. Jesus antwortet: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ Und: „Der Menschensohn ist Herr auch über den Sabbat.“ (Markus 2,27–28)

Jesus stellt Regeln nicht einfach infrage. Er fragt nach ihrem Sinn: Dienen sie dem Leben, für das Gott sie gegeben hat? Von Christus her können wir prüfen, ob Regeln ihrem Auftrag noch gerecht werden.

Das gilt auch für staatliches Handeln. Beim Brenner-Nordzulauf, der geplanten Bahnstrecke zum Brenner-Basistunnel, droht der deutsche Abschnitt noch Jahrzehnte auf sich warten zu lassen. Gründe sind lange Planungs- und Genehmigungsverfahren, neue Gutachten und Klagen. Währenddessen fahren weiter Lastwagen über die Alpen – mit Folgen für Klima und kommende Generationen.

Natürlich müssen Kröten, Wildkatzen und wertvolle Lebensräume geschützt werden. Weil wir Verantwortung für Gottes Schöpfung tragen, darf Naturschutz nicht dem Fortschritt geopfert werden. Doch Verantwortung gilt nicht nur dem heute Sichtbaren. Sie gilt auch den Menschen von morgen, die unter den Folgen des Klimawandels leben müssen. Generationengerechtigkeit heißt, die Folgen unseres Handelns und unseres Nichthandelns mitzudenken.

Ein Gesetz kann im Einzelnen gerecht erscheinen und im Ganzen ungerecht wirken. Wenn jede Abwägung neue Verfahren auslöst, bis das Gemeinwohl auf der Strecke bleibt, müssen Regeln überprüft werden: nicht um Schutz abzuschaffen, sondern damit Recht dem Leben dient.

Christus, der Herr über den Sabbat, ruft nicht nur einzelne Menschen zur Umkehr. Auch politische und staatliche Ordnungen müssen sich fragen lassen: Was dient dem Leben? Was schützt die Schwachen? Was sagt die Liebe? Was bewahrt die Schöpfung?

Das Evangelium ist nicht nur Einladung, Christus im eigenen Herzen Raum zu geben. Es ist auch Maßstab für unser Zusammenleben. Wo Regeln ihren Sinn verlieren und Zukunft verbauen, braucht es den Mut, sie zu korrigieren.

Denn der Sabbat soll für den Menschen da sein. Und unsere Gesetze sollen es auch.  

 

Hartmut Eglinsky wohnt in Dillbrecht und ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Haiger-Struth.