Wir schreiben das Jahr 1653. Ein Drittel der Häuser steht leer und die Menschen, die den Krieg überlebt haben, leiden an Leib und Seele. Doch Berlin ist keine Geisterstadt mehr, sondern der Wiederaufbau in vollem Gang. Der Westfälische Friede hat 1648 endlich Schluss gemacht mit dem grausamen, sinnlosen Gemetzel nach 30 langen Kriegsjahren. Wiederaufbau, das heißt für den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, Hoffnungszeichen zu setzen. Er lässt die Prachtallee „Unter den Linden“ anlegen, den Schlossgarten und Grunewald gestalten und bestellt berühmte Gartenarchitekten.
Aber die Menschen haben auch mit einem Klimawandel in einer „Kleinen Eiszeit“ zu kämpfen: bitterkalte Winter lassen Flüsse zufrieren, dazu nasse, verregnete Sommer. Pflanzen können nicht reifen oder verfaulen. Hauptursachen sind die verminderte Sonnenstrahlung durch eine erhöhte vulkanische Aktivität. Bei Missernten, Hungersnöten und Krankheiten greifen Verzweiflung, Misstrauen und Weltuntergangsstimmungen um sich.
Doch der Dichter und Pfarrer Paul Gerhardt (gest. 1676, also vor 350 Jahren) hat Sinn und Geschmack für die Schönheit der Schöpfung und zaubert ein Lächeln mit seinem „Sommergesang“: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“.
Wie kann er so fröhliche Lieder dichten?! Er ist mit zwölf Jahren bereits Vollwaise geworden, verliert die Ehefrau und trägt viele seiner Kinder zu Grabe.
Menschen, die schon einmal getrauert haben, wissen, dass sie gute Musik und Lieder für die wechselnden Stimmungslagen brauchen. Und Paul Gerhardt bringt seine Glaubensgewissheit zum Ausdruck, auch wenn sie uns wie eine Zumutung erscheint. Er lobt Gott und vertraut darauf: Der wunderschöne Garten unserer irdischen Lebensreise ist nur ein schwacher Abglanz des himmlischen Paradieses, das wir im Glauben an Jesus Christus mit unserem Sterben erwarten dürfen:
Ich möchte von Paul Gerhardt lernen, wie ich gut und gestärkt durch Krisen und Krankheiten komme, ohne den Mut zu verlieren und in schwierigen Zeiten die geschenkten Glücksmomente genießen kann. Und ich bete und bitte: „Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd‘ ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben.“
Ich wünsche uns einen schönen und gesegneten Sommer!
Michael Brück
Ev. Pfarrer in der Gesamtkirchengemeinde Dietzhölztal-Eschenburg