"Es muss wehtun"

veröffentlicht 09.03.2026 von Wolfgang von Dahl, Dekanat an der Dill

Pfarrer Wolfgang vom Dahl über das Fasten: Ein Gespräch mit einem türkischen Mitbürger bringt ihn erst zum Lachen - und dann ins Nachdenken...

Kürzlich brachte mich ein türkischer Mitbürger zum Lachen. Wir waren über die Fastenpraxis ins Gespräch gekommen. Er wollte wissen, wie wir Christen das handhaben, und ich, wie es die Muslime halten. Er erläuterte mir die Ramadanregeln und fügte noch stolz an: „Es muss richtig wehtun.“

Wie pointiert und humorvoll er das sagte! Solche Worte hört man selten aus dem Mund eines Pfarrers. Etwas abgemildert würden wir sagen: „Wir üben uns in der Selbstverleugnung.“ Auch das tut weh! Unser Ego hält eine lange Liste von Wünschen bereit. Immer will es gestreichelt werden, und wird es mal nicht beachtet, ist es schnell beleidigt. 

Der Kampf mit dem Ego bindet soviel Kräfte. Er verhindert unser Vorankommen auf dem Weg zur Christusähnlichkeit, also zu mehr Liebe, Güte, Sanftmut und Demut. Die große Terese von Avila sagte einst dazu: „Wir selbst sind die Ursache aller unserer Schwierigkeiten“. 

Wenn wir fasten, beordern wir unser Ego in die zweite Reihe. Ja, das tut weh! Und danach gut!

Sogar Jesus hat diesen Prozess durchlaufen, als er 40 Tage in der Wüste fastete. Daraus entwickelten sich die Kräfte der Selbstverleugnung, die er 3 Jahre später im Garten Gethsemane so dringend brauchte. Todesgefahr drohte, das wusste er. Er kämpfte mit dem stärksten aller menschlichen Triebe, dem Selbsterhaltungstrieb. Und er hielt stand durch das Gebet: „Herr, ist es möglich, so lass diesen Kelch an mir vorüber gehen, aber nicht mein Wille geschehe, sondern deiner.“ Die Kräfet dazu hatte er sich beim Fasten in der Wüste erworben. 

In der Passionszeit besinnen wir uns auf den Leidensweg Jesu und seine Selbstverleugnung. Ein Mittel dazu ist die Fastenpraxis, Verzicht auf Speise. Damit greifen wir eine der ältesten christlichen Traditionen auf. Weil die Pharisäer dienstags und donnerstags fasteten, taten es die Christen mittwochs und freitags. Und natürlich in der Passionszeit. 

Ich beobachte in Frohnhausen, wie Christen unterschiedlicher Couleur diesen Schatz gerade wieder entdecken. Entsprechend ihrer Vielfalt durchaus „bunt“ und in unterschiedlichen Ausformungen. Aber immer mit Gewinn, auch wenn es wehtut! 

 

Wolfgang vom Dahl ist evangelischer Pfarrer in Frohnhausen und im evangelischen Nachbarschaftrsraum Haiger-Struth