In der Frühphase meines Theologiestudiums stand ich vor einer neuen Herausforderung. Ich musste mich positionieren zu der Frage: „Hat der Menschen einen freien Willen?“ Im Grunde hatte ich dazu eine Meinung und wusste auch, wie ich argumentieren wollte. Dennoch wählte ich noch den „Telefon-Joker“ und fragte meinen langjährigen Religions- und Klassenlehrer, dem ich so viel zu verdanken hatte. Daraufhin sagte er nur: „Du machst das schon!“ Er traute mir zu, dieser neuen Herausforderung gewachsen zu sein. Ich erinnere mich noch heute gern daran, wie mich sein Zuspruch und sein Vertrauen stärkten.
Die Geschichte von Christi Himmelfahrt und seinen Folgen ist eigentlich die Geschichte einer Trennung. Aber dieses Ende setzt auf sensationelle Weise Kräfte frei. Es wird zum Anfang von etwas ganz Großem. Meine Erklärung dafür lautet: Die Jünger hatten Jesu Zuspruch erfahren, der ihnen nicht nur zumutete, sondern auch zutraute, in seinem Sinne weiterzumachen. Sie hatten so etwas gehört wie „Ihr macht das schon!“ Und das ist umso bemerkenswerter, als Christi Himmelfahrt ja nicht von irgendeiner Trennung erzählt, sondern von einer besonders spektakulären Trennung. Jesus, der Sohn Gottes, kehrt heim in das Reich seines Vaters. Durch die Kraft des Heiligen Geistes jedoch, die Jesus weitergibt, wird es ein Abschied ohne Wehmut. Dieser Abschied wird zum Aufbruch. Aus einer kleinen Schar von Frauen und Männern, die an Jesus als ihren Heiland glaubten, wird eine Weltreligion mit Milliarden von Anhängern. In Jesu Nachfolge laden wir Menschen dazu ein, ihr Leben im Angesicht des Gottesreiches zu bedenken und neu auf Gott hin zu orientieren.
Wie die Jünger bei seiner Himmelfahrt, so hat Jesus immer wieder Menschen auf ihre positiven Möglichkeiten angesprochen. Er lobt das Wenige, das die Witwe in die Kollekte tut, weil es für sie so viel ist; er sieht die Unbekümmertheit der Kinder gerade auch in Glaubensdingen; er bringt den Zöllner Zachäus zur Neuausrichtung seines Lebens. In solcher Zuwendung zu meinem Nächsten entsteht Nachfolge Christi, Nachfolge dessen, der zugleich im Himmel ist und mit seiner Kraft mitten unter uns.
Dr. Jörg Ettemeyer ist Pfarrer im Ruhestand in der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde um den Wilhelmsturm.