Bericht des Dekans vor der Dekanatssynode des Evangelischen Dekanats an der Dill am 26.09.2026 in Oberscheld
Liebe Synodale, liebe Schwestern und Brüder,
heute halte ich meinen dritten Bericht vor dieser Synode. Das heißt, drei Jahre meiner Amtszeit sind vorüber. Halbzeit! Also Ihr mich vor drei Jahren gewählt habt, bin ich mit einem Bibelvers angetreten, der mich leitet: 1. Petrus 3, 15: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“
Deshalb möchte ich durchaus heute meinen Bericht als Rechenschaftsbericht verstehen, aber nicht darüber wie viele Sitzung ich besucht habe, oder wie viele Gespräche ich geführt habe oder wie viel Emails ich geschrieben habe. Auch könnte ich von unzähligen Sitzungen, Personalfragen und Stellenbesetzungen, Telefonate und E-Mails, Gebäude und Finanzen, Nachbarschaftsräume und Verwaltungsfragen, Gottesdiensten, Besuchen, Konflikten, Krisen und erfreuliche Entwicklungen berichten oder von der Erfahrung, dass ich am Montag ein Problem gelöst zu haben glaubte, das am Freitag in anderem Gewand zwar aber ansonsten in bemerkenswert guter Verfassung wieder vor mir stand. Von all dem könnte ich berichten, tue ich aber nicht!
Vielmehr möchte ich im Sinne des Bibelverses mit dem ich mich vor drei Jahren zur Wahl gestellt habe Rechenschaft geben über die Hoffnung, die mich in diesem Amt weiterhin trägt.
Und wo diese Hoffnung im vergangenen Jahr auf die Wirklichkeit in unserem Dekanat getroffen ist.
Wo Hoffnung auf die Wirklichkeit trifft!
Vieles wird weniger. Ich werde nicht müde, diese Wirklichkeit zu betonen. Ich weiß, es gibt Stimmen, und vielleicht gehört auch Ihre dazu, die manchmal laut aussprechen und vermutlich noch viel öfter denken: Wieso sagt er das immer wieder? Kann er nicht ein anderes Lied anstimmen?
Nein, ein gutes Lied nimmt das Leben wahr und ernst. Es träumt sich nicht weg in weltentrückte Christologische Monarchien, sondern behält die Bodenhaftung. Eine gute Kirche baut auf felsigen Grund und träumt sich nicht allein in den Himmel. Ich weiß um die Stimmen auch in unserem Dekanat, die sagen, wir müssen fester glauben, mehr beten, und überzeugter predigen. Und ich pflege zu antworten: Ja! Auch!
Wir müssen aber auch dafür Sorge tragen, dass jene, die nach uns kommen, das auch noch tun dürfen.
Hoffnung, ihr Lieben, besteht nicht darin, die Wirklichkeit schön zu reden! Christliche Hoffnung ist kein Optimismusprogramm, das behauptet alles werde wieder gut, sondern Hoffnung sie sieht genau hin.
Unsere Hoffnung kennt den Karfreitag, den Abschied, den Verlust und die Erfahrung, von Leid und Schmerz. Sie weiß, dass Himmel und Erde vergehen werden, und redet trotzdem von Ostern.
Wir habe in diesem Jahr einen guten Freund und Kollegen verloren. Pfarrer Reiner Lepper. Am Ostermontag haben wir ihn in den Ruhestand verabschiedet, kurz nach Himmelfahrt, gut 40 Tage später ist er gestorben. Die Traurigkeit darüber lässt sich nicht wegsingen oder wegbeten. Sie hat ihr Recht. Und dennoch werden wir nicht müden auch an diesem Grab von Hoffnung zu sprechen.
Trotzdem ist ein kleiner Riese im deutschen Sprachschatz. Ich werde als Dekan dem anfänglichen auch noch so harten Wort der Wirklichkeit immer ein Trotzdem entgegenstellen.
Die Wirklichkeit wird in unserer Christlichen Hoffnung nicht das letzte Wort behalten.
Das ist der Unterschied zwischen Optimismus und Hoffnung.
Der Optimismus sagt: Alles wird gut.
Die Hoffnung sagt: Nein, es wird schwierig werden. Es werden Dinge enden. Wir können auch verlieren. Wir können uns auch ordentlich irren. Und wir werden vieles, von dem, was uns lieb und teuer ist, aufgeben müssen. Aber Trotzdem geht es weiter, weil Gott seine Kirche erhalten wird. Wenn auch anders als wir sie gerne hätten.
Und deshalb lautet die entscheidende Frage für mich nicht: Wie verhindern wir, dass unsere Kirche kleiner wird? Denn das werden wir nicht verhindern. Die entscheidende Frage lautet für mich, wie verhindern wir, dass wir uns selbst klein machen?
Denn was uns als Kirche groß macht, sind nicht Zahlen, sondern Glaube, Liebe und Hoffnung – diese drei. Und die gestalten sich aus in einer Kirche der Zuversicht, des Vertrauens und der Verantwortung.
Was heißt das konkret für unser Dekanat?
Dazu möchte ich drei Beobachtungen mit Ihnen teilen, die für mich etwas damit zu tun haben, wie wir in den kommenden Jahren Kirche in unserem Dekanat und Gemeinden sein können.
1. Vertrauen
Ich erlebe in unserem Dekanat Kirche überall dort als lebendig, wo Menschen einander vertrauen. Wo Kirchenvorständen ihren Verkündigungsteam vertrauen. Und Pfarrer*innen ihren Kirchenvorständen. Wo Hauptamtliche Ehrenamtlichen etwas zutrauen. Wo Menschen Verantwortung übernehmen dürfen, und man sie machen lässt. Wo man Fehler machen darf und dennoch freundlich angesehen wird.
Ich glaube, das gegenseitiges Vertrauen in unserem Dekanat in den kommenden Jahren wachsen muss und wachsen wird. Das wird entscheidend sein.
Misstrauen gibt es da draußen in dieser Welt und in dieser Zeit genug und immer mehr. Misstrauen wird allenthalben gesät und geerntet. Bitte lasst uns als Kirche ein Gegenton zu diesem Zeitgeist sein. Die Kirche der Zukunft wird nicht funktionieren, wenn immer weniger Menschen immer mehr kontrollieren. Sie wird nur funktionieren, wenn mehr Menschen Verantwortung übernehmen dürfen.
Das betrifft unsere Nachbarschaftsräume ganz unmittelbar. Wenn Zusammenarbeit bedeutet, dass jede Gemeinde darauf achtet, dass ihr die anderen nichts wegnehmen, werden wir ungeheuer viel Kraft verbrauchen ohne dass etwas Neues entsteht. Ich habe in den vergangenen Jahren duzende von KV-Beschlüssen bekommen, obwohl ich die gar nicht brauche, die Rücklagen zweckbinden damit bloß nicht andere diese Mittel für anderes nutzen wofür es die bisherigen auch schon nicht ausgegeben haben.
Wir gönnen uns gegenseitig viel zu wenig. Wir vertrauen einander noch nicht. Das muss anders werden.
Ja, das Verlangt von uns einen ähnlichen Aufbruchsgeist wie zu Beginn der Kirche in der Apostelgeschichte. Sie waren eines Geistes, sie teilten alles und beteten ohne Unterlass – das ist nicht nur als überzogene Programmschrift der Alten Kirche zu verstehen. Das könnte auch der Schlüssel zu einem neuen Aufbruch sein.
Es geht darum, anderen etwas anzuvertauen, ihnen etwas zuzutrauen - im Vertrauen darauf, dass er oder sie etwas daraus macht, so wie der Herr seine Talente verteilt. Das gilt auch für das Verhältnis von Haupt- und Ehrenamt. Ehrenamtliche sind nicht die Lückenbüßer einer keiner werdenden Hauptamtlichenkirche. Und andererseits sind Hauptamtliche sind nicht die Verantwortungsträger einer Träger werdenden Kirche insgesamt. Es wird nur gemeinsam gehen, im Gegenseitigen Vertrauen!
Ehrenamtliche müssen Verantwortung für Ihre Gemeinden tragen, mit ihren eignen Begabungen, Erfahrungen und geistlichem Auftrag. Und Hauptamtliche brauchen Vertrauen, dass sie Entscheidungen treffen dürfen. Nicht jede Entscheidung wird dabei vollkommen sein und nicht jeder Versuch wird gelingen. Muss es auch nicht. Es braucht auch die Freiheit, scheitern zu dürfen. Für alle.
Eine Kirche, die keine Fehler mehr zulässt, wird irgendwann auch nichts Neues mehr versuchen. Und damit verbindet sich für mich das zweite Wort: die Zuversicht.
2. Zuversicht
Zuversicht heißt, dass wir noch keine Ahnung haben, wie die Kirche der Zukunft aussehen wird. Zuversicht heißt für mich, dass wir handeln können, obwohl wir nicht alles wissen. Wir können Entscheidungen treffen ohne zu wissen, wohin sie uns führen. Wir dürfen ausprobieren ohne vorher garantieren zu können, dass es gelingt. Und wir können uns auch von etwas verabschieden, ohne schon genau zu wissen, was an seine Stellen treten wird. Das ist für mich die praktische Seite unseres christlichen Trotzdem.
Wir sehen die Schwierigkeiten und handeln trotzdem.
Ganz konkret für unser Dekanat heißt das: Wir dürfen mehr ausprobieren. Und das tu wir doch schon. Wir verteilen Aufgaben neu zwischen Kirchenmusik, Gemeindepädagogik, Pfarrdienst und Ehrenamt. Das heißt wieder loslassen und zutrauen.
Wir dürfen in unseren Nachbarschaften unterschiedliche Wege gehen. Mal als Arbeitsgemeinschaft, mal als Gesamtkirchengemeinde, mal mit einem zentralen Büro und mal mit einer Außenstelle. Mal mit einer Gemeindepädagogin in der Schule, mal mit einem Kirchenmusiker auf der Kanzel. Mal mit einem Kirchenvorstand ohne Pfarrer und mal mit einem Gottesdienst ohne Orgel. Alles hat seine Berechtigung. Und ich bin unfassbar neugierig, wo etwas neues Wachsen wird. Ich wünschte mir, ihr teiltet meine Neugier eine Woche vor Erntedank. Wir pflügen und wir streuen, doch Wachstum und gedeihen, liegt in des Vaters Hand.
Doch pflügen und streuen müssen wir – und darin liegt für mich der dritte Punkt:
3. Verantwortung
Unsere christliche Hoffnung macht verantwortlich. Nicht allein jenen gegenüber, die sie teilen, sondern gegenüber den Menschen, die uns anvertraut sind, und gegenüber der Gesellschaft, in der wir leben.
Und diese Verantwortung ist in unserem Dekanat sehr konkret. Mit rund 1.000 Beschäftigten sind wir im Dekanat mitsamt den Gemeinden als Kirche einer der größten Arbeitgeber im Lahn-Dill-Kreis. Allein in unserer GüT tragen wir Verantwortung für annähernd 600 Arbeitsplätze. Wir tragen Verantwortung für Menschen und ihren Familien, von Arbeitsbedingungen und beruflichen Perspektiven. Das gilt es bei aller Freude zum Ausprobieren auch zu bedenken.
Das gilt auch und besonders für den Pfarrdienst. Wir können nicht Pfarrstellen reduzieren und zugleich erwarten, dass die Verbleibenden einfach alle bisherigen Aufgaben weiterführen. Weniger Personal muss irgendwann auch weniger Aufgaben bedeuten.
Es scheint nur so zu sein, dass uns Pfarrersmenschen – zu denen ich mich selber zählen darf - das Weglassen erheblich schwerer fällt als das Weitermachen.
Das mag auch damit zu tun haben, dass wir selbst nicht frei davon sind, unseren Wert an der Anerkennung zu messen, die wir für unsere Arbeit bekommen. Und so arbeiten auch wir oft als gäbe es keine Gnade. Weil auch wir – wie andere – geliebt werden wollen.
Nein, es muss auch möglich sein, Freiheit zur ermöglichen für die eigentlichen pastoralen Aufgaben, und das sind: Predigt, Seelsorge, Unterricht und geistliche Leitung.
Dazu braucht es keine Pfarramtliche Beteiligung in Sitzungen und Verwaltungsleitung. Ich weiß, das fällt uns allen schwer zu lernen. Es geht darum, liebe Kollegen und Kolleginnen unseren Segen dazu zu geben, was andere entscheiden.
Auch Verwaltung muss ermöglichen. Wir erleben es aber allzu oft, dass sie uns einschränkt und fesseln anlegt. Und mich manches mal in den Wahnsinn treibt.
Das heißt, dass ich sehr viel Zeit und Engagement dahingehend einsetze, unsere Regeln und unserer Gesetze daraufhin befragen, ob sie noch dem kirchlichen Leben dienen, das sie ordnen sollen.
Hier eine Änderung herbeizuführen können wir nur mit den beteiligten Personen gemeinsam tun. Das sage ich der Verwaltung ebenso wie ich es euch heute sage. Aufeinander zu schimpfen wird uns keinen Millimeter weiterbringen. Manchmal wünschte ich mir die gleiche Energie, die wir fürs Schimpfen aufbringen für die Begegnung. Ich glaube, dann wären wir weiter.
Ein Beispiel dafür sind zum Beispiel die Gebäudefragen. Wir haben mit viel Mühe und Engagement von allen Beteiligten einen mit unserem GBEP einen Kompromiss errungen.
Wenn sich jedoch jetzt die Spielegeln scheinbar ändern. Wenn Sanierung von A-Gebäuden über eine Millionen Euro pro Haus kosten sollen und die Konsequenz dann sein soll, diese unwirtschaftlichen Sanierungen durch einen Verkauf zu begegnen, dann stimmt etwas nicht. Das wäre so, also würden sie ihr Haus komplett energetisch sanieren wollen, das kostete 1 Millionen Euro, die sich nicht haben, also verkaufen sie ihr Haus, in dem sie wohnen, weil diese Sanierungskosten zu hoch wären und mieten sich was an. Aber dazu später mehr.
Unsere christliche Hoffnung macht uns aber auch für die Gesellschaft verantwortlich, in der wir leben.
Nicht umsonst beginnt die Präambel unseres Grundgesetzes mit dem Bewusstsein der „Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Die Attribute in den Namen unserer Parteien wie Sozial, Christlich, Freiheitlich, Gerecht oder Synonyme zu sozialer Verantwortung und der Bewahrung der Schöpfung haben tiefe Wurzeln auch in unserer jüdisch-christlichen Tradition. Sie verbinden sich mit den Grundsätzen der Demokratie, der Menschenwürde und der Rechtsstaatlichkeit. Und diese Grundsätze sind für den Erhalt der Freiheit und des Friedens Alternativlos!
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Es geht mir nicht darum, die Demokratie für das Christentum zu vereinnahmen. Sie gehört Menschen unterschiedlichen Glaubens und ebenso jenen, die keinen Glauben haben. Aber wir Christen dürfen und müssen sagen, aus welchen Quellen wir selbst schöpfen, wenn wir für diese Werte eintreten.
Es geht mir dabei nicht um links oder rechts.
Wer glaubt, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist, kann nicht gleichgültig sein, wenn Menschenwürde angetastet wird. Wer von Christus den Auftrag zur Nächstenliebe empfangen hat, der kann nicht den Schwachen treten oder schweigend danebenstehen, wenn andere es tun. Wer Freiheit als Geschenk versteht, weiß, dass Freiheit ohne Verantwortung für den anderen leer wird.
Daher hat unser Glaube hat eine politische Dimension, ohne parteipolitisch zu sein.
Deshalb werden wir uns als Kirche einmischen. Wir werden Menschen niemals sagen, wo sie ihr Kreuz machen sollen. Aber wir werden unser Kreuz auch nicht verstecken!
Wir werden sie daran erinnern, was auf dem Spiel steht und aus welchen Überzeugungen heraus wir als Christinnen und Christen Verantwortung übernehmen.
Eine Kirche, die von Hoffnung spricht, kann und darf sich nicht aus der Welt zurückziehen. Und trotzdem besteht bei all diesen Themen eine Gefahr: dass wir irgendwann nur noch über uns selbst reden. Über Stellen, Gebäude, Finanzen und Strukturen – und dabei vergessen, weshalb es uns überhaupt gibt.