Den Menschen wie Gott sehen

veröffentlicht 23.07.2026 von Martin Slenczka, Dekanat an der Dill

Pfarrer Martin Slenczka über die Perspektive, den Menschen so zu sehen, wie Gott ihn sieht, und nicht, wie man ihn sich wünschen würde...

Mitten in dieser herrlichen Sommerzeit von Dunkelheit zu reden ist, zugegebenermaßen, etwas seltsam. Aber ist es ihnen schon aufgefallen? Die Tage werden langsam wieder kürzer. Die Dunkelheit mischt sich wieder Stück für Stück mehr ein. Und ruckzuck wird sich das Leben wieder verändert haben und die Sehnsucht nach ein bisschen Licht wird wieder größer geworden sein.

„Ich bin das Licht der Welt!“ So bezeichnete sich Jesus einst selbst. Zumindest erzählt das Johannesevangelium es so. Jesus sagt damit: „Dort wo ich bin, dort ist es hell.“ und heilt im Anschluss einen blind geborenen Menschen. Die klare Botschaft: Jesus öffnet uns die Augen. Jesus zeigt uns einen Weg, auf dem wir in die Zukunft kommen.

Wie er das macht? Indem er es uns erzählt und zeigt. Jesus redet von Nächstenliebe, die sogar den Feind liebevoll in den Blick nimmt. Jesus ist geduldig und gütig und liebevoll – zumindest meistens. Jesus erinnert uns, dass wir in Gott ein Gegenüber haben, welches uns liebevoll begegnet und das sich nichts sehnlicher wünscht, als dass wir ein gutes Miteinander erleben dürfen.

Es ist also eigentlich relativ einfach. Wenn da nicht die Wirklichkeit wäre, in der ich mich mit dieser Ansicht oder jener Überzeugung so unheimlich schwertue. Wie schnell werden Menschen dann zu Pharisäern und Schriftgelehrten, die eisern an irgendwelchen Traditionen und Geboten und Vorstellungen festhalten, ohne dabei zu bedenken, was das für andere Menschen bedeutet.

Klar ist das Leben auf diese Art und Weise deutlich leichter. Richtig und falsch, gut und böse sind dabei klar definiert. Den Menschen und seine Lebenswirklichkeit aber ernst zu nehmen und nach Lösungen zu suchen, die ihm oder ihr wirklich guttun, ist da deutlich schwieriger. Denn das heißt sich immer wieder neu auf die Suche zu machen. Immer wieder neu danach zu fragen, was Jesus tun würde. In jedem Moment den Menschen zu sehen, wie Gott ihn liebt und nicht, wie er aus meiner Sicht sein sollte.

Dort wo Menschen das schaffen, dort scheint tatsächlich immer wieder ein Licht in der Dunkelheit und erzählt davon, wie es funktionieren könnte. Wie schön wäre es doch, wenn dieser Funke zu einem lodernden Feuer würde.

Martin Slenczka, Pfarrer in der Gesamtkirchengemeinde Herborn-Mittenaar-Siegbach