Endlich und mit Gott verbunden

veröffentlicht 03.11.2026 von Jelena Wegner, Dekanat an der Dill

Pfarrerin Jelena Wegner über die Endlichkeit des Lebens

Mein Neffe ist 18 Monate alt. Er liebt es, mit Sand und Erde zu spielen. Beherzt greift er mit der Hand zu. Die winzigen Finger umschließen eine kleine Menge Sand. Mit Schwung wirft er den Sand in den Eimer. Dass die Hälfte daneben fliegt, stört ihn nicht. Schon steckt er seine Hand erneut in den Sand.

Manchmal mache ich mit. Ich greife in den Sand und spüre die kleinen kratzigen Körner auf der Haut. Ich halte meine Hand über den Eimer und öffne sie ein wenig. Langsam rieselt der Sand in den Eimer. Auf meiner Handinnenfläche bleibt ein dünner Sandfilm zurück. Sand ist ein Symbol dafür, wie die Zeit verrinnt.

Es erinnert mich an die vielen Male, an denen ich auf dem Friedhof stand. Dort nehme ich am Ende der Beisetzung Erde in die Hand. Ich sage dazu: Erde zu Erde. Asche zu Asche. Staub zu Staub. Diese letzte Geste, Erde ins Grab zu schütten, lässt mich spüren: Das Leben ist endlich. Unsere Zeit rieselt durch die Finger wie Erde oder Sand.

Manchmal bleibt dabei ein wenig Erde an meiner Hand haften. Ich mag dieses Gefühl der Erde auf meiner Haut. Ich habe ein Leben verabschiedet. Das ist ein besonderer Moment. Das braucht Zeit. Der Rest Erde darf mich ruhig daran erinnern. Und ein Stück weit in mein Leben begleiten.

Für mich bedeutet Leben: Ich greife beherzt zu, wie mein kleiner Neffe in den Sand. Mal geht was daneben. Mal ist die Hand leer, das letzte Körnchen aus der Hand gerieselt. Aber solange ich kann, strecke ich meine Hand neu aus.

Eine Hand voll Sand. Eine Hand voll Erde. Die Erde verbindet mich mit Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Dieser Gott hat auch mich gemacht. Ich habe einen Anfang. Und irgendwann hat mein Leben ein Ende. Ich kehre zu Gott zurück. Das macht mein Leben zu etwas Heiligem. Genau wie das Leben des Menschen, den ich begleitet habe, bis zum Ende.

Bei meinem Neffen im Garten spüre ich den Sandfilm auf der Innenfläche meiner Hand und schaue meinen Neffen an. Er hat die Hand voller Sand und betrachtet mit großen Augen, wie die Sandkörner herausrieseln. Jeden Tag begreift er ein Stück mehr. Ich nehme eine Handvoll Sand und gemeinsam füllen wir den Eimer.

 

Jelena Wegner, Pfarrerin in der Gesamtkirchengemeinde Herborn-Mittenaar-Siegbach