Dabei geht es längst nicht nur um ein konkretes Schulprojekt, sondern auch um die grundsätzliche Frage, was christliche Bildung aus Sicht der Kirchen bedeutet. Gemeinsam mit Pfarrer Christian Fahl von der katholischen Pfarrei Zum Guten Hirten an der Dill hat Dekan Andree Best deshalb eine ökumenische Stellungnahme verfasst. Es geht ihm darin nicht um eine pauschale Kritik an christlichen Schulen, sondern um die Frage, wie Glaube, Bildung, Freiheit und Verantwortung zusammengehören.
Hier die Stellungnahme im Wortlaut:
Die geplante Gründung einer christlichen Privatschule im Lahn-Dill-Kreis hat eine Diskussion angestoßen, die weit über die Frage eines einzelnen Schulstandorts hinausgeht. Sie führt mitten hinein in die Frage, was Bildung eigentlich leisten soll – und welche Rolle der Glaube dabei spielt.
Zunächst: Dass Eltern für ihre Kinder eine Schule suchen, die ihren Überzeugungen entspricht, ist verständlich und legitim. Auch christliche Schulen haben ihren festen Platz in der Bildungslandschaft. Sie sind Ausdruck der im Grundgesetz garantierten Freiheit, Bildung eigenverantwortlich zu gestalten. Diese Freiheit ist ein hohes Gut.
Gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf das Verständnis von Bildung, das dabei zugrunde gelegt wird.
Christlicher Glaube betrifft aus Sicht der Kirchen selbstverständlich das ganze Leben. Er ist keine bloße Privatmeinung und keine religiöse Dekoration des Alltags.
Gerade deshalb verstehen die Kirchen Bildung nicht als die Formung von Menschen auf eine festgelegte Frömmigkeitsform hin. Christliche Bildung will Orientierung geben und Menschen dazu befähigen, verantwortlich, urteilsfähig und frei zu glauben.
Sie vertraut darauf, dass Wahrheit nicht durch Abschottung wächst, sondern im Denken, Fragen, Lernen und Leben Gestalt gewinnt.
Evangelische und katholische Schulen ebenso wie der Religionsunterricht an staatlichen Schulen möchten junge Menschen darin stärken, selbstständig zu denken, Verantwortung zu übernehmen und einen eigenen Zugang zum Glauben zu finden. Glaube soll dabei nicht verordnet werden. Er braucht Räume, in denen Menschen fragen, suchen und auch zweifeln dürfen.
Wer behauptet, staatliche Schulen seien Orte „ohne Gott“, wird der Wirklichkeit vor Ort nicht gerecht. Gerade im Lahn-Dill-Kreis erleben wir seit vielen Jahren eine vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit zwischen Schulen und Kirchen. Religionsunterricht, Schulgottesdienste, Schulseelsorge, Schüler*innen-Bibelkreise oder sozial-diakonische Kooperationen zeigen: Glaube hat seinen Platz im schulischen Leben – nicht unter Zwang, sondern als klar erkennbares Angebot.
In diesem Zusammenhang gewinnt auch der einladende Religionsunterricht an staatlichen Schulen, der offen für alle Interessierten ist, besondere Bedeutung. Er ist ein Ort, an dem Glaube, Nachdenken, Bekennen und Hinterfragen zusammenkommen. Hier wird nicht nur über Religion gesprochen, sondern Raum geschaffen für persönliche Auseinandersetzung. Gerade diese Verbindung von Verbindlichkeit und Offenheit ist ein hohes Gut.
Deshalb ist religiöse Bildung in unserem Verständnis immer auch dialogisch. Sie kennt die Vielfalt von Lebensentwürfen. Sie nimmt andere Überzeugungen ernst und hält Spannungen aus. Gerade darin zeigt sich ihre Stärke. Wer gelernt hat, den eigenen Glauben zu reflektieren, gewinnt eigene Position und Bekenntnis und wird dadurch nicht weniger überzeugt. Der Glaube gewinnt vielmehr an Tiefe und Tragfähigkeit.
Schule ist zudem nie ein abgeschlossener Raum. Sie bereitet auf ein Leben in einer pluralen Gesellschaft vor. Unterschiedlichkeit ist keine Störung, sondern Teil der Wirklichkeit, in der Kinder und Jugendliche sich bewegen werden. Bildung muss sie darauf vorbereiten, diese Wirklichkeit zu verstehen und mitzugestalten.
Deshalb gehört zur christlichen Bildung aus Sicht der Kirchen auch ein klares Bekenntnis zur Offenheit: zur Freiheit des Gewissens, zur Würde jedes Menschen, zur Gleichberechtigung und zur demokratischen Verantwortung. Dahinter steht die Überzeugung, dass Gott Menschen nicht klein halten, sondern sie in Freiheit und Verantwortung ins Leben führen will.
Aus Sicht der Kirchen entfaltet Glaube seine Kraft dort, wo er frei ist. Christliche Bildung vertraut nach unserer Überzeugung deshalb nicht auf Formung, sondern auf Orientierung; nicht auf Abschottung, sondern auf Verantwortung. Sie traut Menschen zu, ihren eigenen Weg zu finden – im Vertrauen auf Gottes Leitung und Führung.